Achtsam gucken

Achtsam gucken

Ach, Netflix…

Der Streaming-Gigant, der uns in den letzten Jahren mit eigenen Serien und Filmen quasi überrollt hat. Man kann die Eigenproduktionen ja kaum ignorieren, selbst wenn man wollte – sie sind omnipräsent. Doch mit der Flut an Content kam für mich auch eine gewisse Ernüchterung. Netflix scheint oft nach dem Prinzip zu arbeiten: “Mehr ist mehr.” Die Masse, nicht unbedingt die Klasse steht im Fokus.

Einige Serien wirken dabei eher wie endlos in die Länge gezogene Experimente in Geduldsproben. Ein Charakter wird eingeführt, eine Handlung beginnt – und zieht sich dann über mehrere Staffeln zäh dahin. Tiefgründige Charakterentwicklung? Mangelware. Viel zu oft werden die Figuren so platt und durchsichtig gestaltet, dass sie kaum die Aufmerksamkeitsspanne eines 30-Sekunden-Trailers überleben.

Netflix-Produktionen muten oft wie ein Hintergrundrauschen an, das nebenbei laufen kann, ohne wirkliches Interesse zu wecken. Die Helden der Handlung sind dann meistens die Play- und Pausetasten, die man gedrückt hält, um schnell noch einen Kaffee zu holen oder beim Scrollen auf dem Handy den neuesten Instagram-Post zu checken. Da ist es schwer, sich wirklich auf eine Serie einzulassen. Aber dann kam „Achtsam morden“ – und plötzlich war ich wach.

Wenn Netflix plötzlich die richtigen Töne trifft

„Achtsam morden“ ist eine der raren Perlen, die einem genau dann in die Hände fallen, wenn man sich langsam vom Glauben an wirklich gute Netflix-Produktionen verabschiedet. Basierend auf den Bestsellern von Karsten Dusse, die die herrlich absurde Idee von Achtsamkeit und Morden kombiniert, stellt die Serie alles auf den Kopf, was man von typischen Netflix-Inhalten erwartet. Hier wird mit Liebe zum Detail inszeniert, die Charaktere entwickeln Tiefe, und die Handlung folgt einem klaren, wohldosierten Rhythmus – ohne das sonst übliche Geplänkel.

Für die Inszenierung konnte Netflix auf das deutsche Kreativteam um Dusse zurückgreifen, das genau wusste, wie viel „Achtsamkeit“ einem Serienmörder im Alltag gut zu Gesicht steht. Das Ergebnis ist eine feine Balance aus schwarzem Humor und feinsinnigem Witz, gepaart mit einem Hauch von Philosophie. In Interviews betont Dusse immer wieder, wie wichtig ihm die Kombination aus krimineller Handlung und Achtsamkeitslehre ist: „Ich wollte zeigen, dass jeder Mensch, selbst in den schlimmsten Situationen, die Möglichkeit zur Selbstreflexion und Weiterentwicklung hat.“ Diese Aussage bekommt in der Serie eine besondere Würze – schließlich nutzt Protagonist Björn Diemel Achtsamkeit nicht nur, um mit seinen inneren Dämonen ins Reine zu kommen, sondern auch, um dabei eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen.

Auch schauspielerisch kann sich „Achtsam morden“ mehr als sehen lassen. Die Besetzung ist exzellent gewählt: Björn Diemel, ein gelangweilter, bis an die Grenze des Erträglichen überforderter Anwalt, wird mit einer Ernsthaftigkeit gespielt, die dem Zuschauer erlaubt, mit ihm mitzufiebern – obwohl seine Entscheidungen in einem moralischen Dilemma enden, das er durch seine „achtsame“ Herangehensweise mal eben „bereinigt“. Dabei bleibt die Serie stets humorvoll und schafft es, dass man als Zuschauer amüsiert ist, während Björn seine höchst kreativen „Lösungen“ umsetzt.

Ein zusätzlicher Pluspunkt: Die Serie hat genau die richtige Länge. Jede Episode ist so gestaltet, dass keine Minute verschwendet wirkt. Kein überflüssiges Füllmaterial, das nur dazu dient, die Laufzeit zu verlängern. Stattdessen fühlt sich jede Folge an wie ein kurzer, intensiver Moment der Selbstreflexion – für Björn, aber auch für uns als Zuschauer. In einem Interview wurde Dusse gefragt, wie es ihm gelang, die Spannung über die gesamte Staffel hinweg aufrechtzuerhalten, ohne die Handlung zu überdehnen. Seine Antwort: „Man muss wissen, wann man einen Punkt setzen kann. Jede Geschichte hat ihren eigenen Rhythmus, und den sollte man respektieren.“ Genau das merkt man der Serie auch an – und man wünscht sich fast, dass Netflix öfter solchen kreativen Freiraum ermöglichen würde.

Insgesamt bietet „Achtsam morden“ ein Streaming-Erlebnis, das so gar nicht zu dem typischen Netflix-Ansatz passt. Hier wurde sich Zeit genommen, um Figuren aufzubauen, und es wird eine Handlung präsentiert, die intelligent konstruiert ist und am Ende eine klare Botschaft hat.

Ein unerwarteter Geheimtipp

Wer hätte gedacht, dass ich einmal hier sitzen und eine Netflix-Produktion von ganzem Herzen empfehlen würde? Aber „Achtsam morden“ ist eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Mit all der Sorgfalt, dem cleveren Witz und der überraschend tiefgründigen Erzählweise ist die Serie ein wahres Juwel im oftmals so seichten Netflix-Katalog. Es ist fast, als hätte jemand meine Skepsis gehört und gesagt: „Okay, wir zeigen dir, dass wir es besser können.“ Und wie sie es können!

„Achtsam morden“ beweist, dass auch Netflix die Kunst des subtilen Humors, der klugen Charakterzeichnung und des spannenden Erzählens beherrscht – wenn man es nur will. Die Serie bringt eine Prise schwarzen Humor in unser Leben und regt auf seltsame Weise sogar zur Selbstreflexion an. Jeder, der in seinem Leben schon einmal darüber nachgedacht hat, wie man die täglichen kleinen Ärgernisse vielleicht „achtsam“ bewältigen könnte, wird sich in Björns Welt auf unterhaltsame Weise wiederfinden.

Für mich ist „Achtsam morden“ damit ein absoluter Geheimtipp, den ich nur wärmstens empfehlen kann. Netflix, mehr davon! Mehr von dieser liebevollen Inszenierung, die ohne sinnlose Längen auskommt und uns Zuschauer ernst nimmt. Wer Lust auf eine Serie hat, die herrlich unterhält und dabei auch noch den Geist ein wenig wachkitzelt, sollte unbedingt einschalten. Ein kleines, feines Meisterwerk, das hoffentlich der Startschuss für weitere solche Perlen ist.