Die Ästhetik der Arschbombe: Anders Thomas Jensen

Die Ästhetik der Arschbombe: Anders Thomas Jensen

Wer Anders Thomas Jensen nur auf schwarzen Humor reduziert, hat nicht richtig hingesehen. Seine Filme sind keine Komödien. Es sind moderne Fabeln über traumatisierte Männer, die versuchen, in einer sinnlosen Welt eine Familie zu bilden.

Wenn wir über das dänische Kino sprechen, landen wir oft bei der Dogma-Bewegung und ihrem Realismus-Zwang. Anders Thomas Jensen wählt den entgegengesetzten Weg. Er erschafft künstliche, überhöhte Welten. Orte, die wie Märchenkulissen wirken, in denen aber brutale Realität verhandelt wird: Missbrauch, Trauer, Identitätsverlust oder die Frage nach Gott.

Grenzen überschreiten als Stilmittel

Was ich an Jensen so verehre – und was mir als Ästhet jedes Mal das Herz aufgehen lässt – ist die visuelle und inhaltliche Konsequenz. In einer Zeit, in der jeder Dialog dreimal auf “Political Correctness” geprüft wird, lässt Jensen seine Figuren Dinge sagen, für die man bei Social Media öffentlich gesteinigt würde.

Er wagt es zudem, seine Figuren völlig zu zertrümmern, nur um sie dann liebevoll wieder zusammenzusetzen – oft mit Klebeband und Gewalt, aber immer mit Herz. Aber – und das ist das Kunststück: Man verzeiht ihnen alles. Warum? Weil Jensens Figuren keine Täter sind. Sie sind beschädigte Kinder in Erwachsenenkörpern.

Für mich ist Jensens Werk die absolute Königsklasse des schwarzen Humors. Nicht, weil es böse ist. Sondern weil es genau dort hingeht, wo es wehtut, und dort so lange verweilt, bis der Schmerz in kathartisches Gelächter umschlägt. Und wer sind unsere Reiseführer in diesen Abgrund? Eine feste Clique von Schauspiel-Urgesteinen, angeführt von Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas.

Das Ensemble: Die Avengers der Sozialunverträglichkeit

Man muss es so deutlich sagen: Mads Mikkelsen ist in Hollywood der gutaussehende Schurke mit dem stechenden Blick (“Hannibal”, “James Bond 007: Casino Royale”, “Rogue One: A Star Wars Story”). Aber bei Jensen? Da darf Mads endlich das sein, was er scheinbar am liebsten ist: hässlich, dumm und sozial vollkommen inkompetent.

In “Dänische Delikatessen” (2003) schwitzt er sich zur besten Fleisch-Marinade der Stadt, in “Adams Äpfel” (2005) ignoriert er die Realität konsequent weg und hält Hitler für einen “gutaussehenden Mann” und in “Men & Chicken” (2015) masturbiert er sich beinahe bis zur Besinnungslosigkeit.

Wir versuchen immer, Mads so hässlich wie möglich zu machen. Es ist mittlerweile ein Sport für uns geworden.

Anders Thomas Jensen

An seiner Seite: Nikolaj Lie Kaas. Wenn Mikkelsen der impulsive Wahnsinn ist, ist Kaas oft die neurotische Seele, die versucht, in einem brennenden Haus die Ordnung zu wahren. Die Chemie zwischen den beiden ist nicht gespielt, sie ist gelebt. Sie werfen sich Bälle zu, die kein anderer fangen könnte.

Die Ensemble-Evolution: Von “Blinkende Lichter” bis “Therapie für Wikinger”

Es ist faszinierend zu sehen, wie Jensen sein festes Ensemble über die Jahrzehnte entwickelt hat. Man kann fast von einer psychologischen Langzeitstudie sprechen.

  1. Die frühen Jahre: Aggression und Verdrängung

    In “Blinkende Lichter” (2000) und “Dänische Delikatessen” (2003) dominiert noch der pure Überlebensinstinkt. Mads Mikkelsen (als Arne oder Svend) ist hier oft der treibende, aggressive Pol, getrieben von Minderwertigkeitskomplexen. Der Humor entsteht aus der Diskrepanz zwischen bürgerlichem Anspruch (eine Metzgerei führen) und den psychopathischen Mitteln (Menschenfleisch verkaufen).

  2. Die theologische Wende: “Adams Äpfel” (2005)

    Hier erreicht Jensen für mich seine philosophische Tiefe. Der Film “Adams Äpfel” ist eine direkte Adaption des Hiob-Buches. Ivan (Mikkelsen) ist nicht einfach nur “verrückt”, er ist die Personifizierung der radikalen Verleugnung des Bösen. Dass Jensen hier Neonazis, Vergewaltiger und einen Pfarrer zusammenbringt, ist kein Schockeffekt, sondern eine Versuchsanordnung: Kann der unerschütterliche Glaube an das Gute (Ivan) das absolut Böse (Adam) besiegen? Jensens Antwort ist ein vorsichtiges Ja – aber nur unter großen Opfern.

  3. Die biologische Groteske: “Men & Chicken” (2015)

    Mit “Men & Chicken” ging Jensen zurück zum Ursprung. Hier dekonstruiert er den Begriff “Familie” auf genetischer Ebene. Die Figuren sind hier fast tierisch, triebgesteuert. Es ist sicherlich sein “hässlichster” Film, aber vielleicht auch sein ehrlichster über die Natur des Menschen jenseits der Zivilisation.

  4. Der Schmerz der Kausalität: “Helden der Wahrscheinlichkeit” (2020)

    Mit “Helden der Wahrscheinlichkeit” änderte sich der Ton. Der Film ist geerdeter, tragischer. Jensen verarbeitet hier Themen wie Trauer und die menschliche Sucht nach Mustern. Mads Mikkelsen spielt hier keinen Exzentriker, sondern einen Soldaten, der Gefühle durch Gewalt ersetzt. Nikolaj Lie Kaas als Mathematiker Otto versucht, den Zufall (ein Zugunglück) durch Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erklären, um nicht fühlen zu müssen. Die Botschaft: Wir suchen verzweifelt nach einem Schuldigen, weil wir den Zufall nicht ertragen.

  5. Das Finale der Identität: “Therapie für Wikinger” (2025/26)

    Und nun sind wir beim aktuellen Meisterwerk. In “Therapie für Wikinger” (international: “The Last Viking”) treibt Jensen das Spiel auf die Spitze. Wieder haben wir das Brüderpaar Mikkelsen / Kaas. Aber die Dynamik ist neu: Anker (Kaas) kommt aus dem Knast und sucht die Beute, während Manfred (Mikkelsen) in einer dissoziativen Identitätsstörung gefangen ist. War es in Adams Äpfel noch die Verleugnung der Realität, ist es hier die völlige Auflösung des Ichs. Dass Jensen das Ganze im Setting von Wikinger-Mythen und toxischer Männlichkeit spiegelt, ist brillant. Es ist, als würde er sagen: Wir Männer spielen alle nur Rollen, um unseren Schmerz nicht zu spüren. Mikkelsens Performance, wie er zwischen den Persönlichkeiten switcht, ist oscarreif – und gleichzeitig so lustig, dass es wehtut.

Ich denke, meine Filme handeln von der Familie, die man sich aussucht.

Anders Thomas Jensen über sein Werk “Men & Chicken”

Mads & Nikolaj: Ein Yin und Yang des Wahnsinns

Warum funktioniert dieses Duo seit über 25 Jahren? Mads Mikkelsen ist bei Jensen immer das Physische, das Externe. Er trägt die falschen Nasen, die Hasenscharten, die absurden Frisuren. Er agiert aus dem Bauch (oder der Faust). Nikolaj Lie Kaas ist das Intellektuelle, das Neurotische. Er ist oft derjenige, der versucht, Logik in den Wahnsinn zu bringen und daran scheitert.

Zusammen bilden sie einen kompletten Menschen ab – mit all seinen Fehlern, Ängsten und Hoffnungen.

Anders Thomas Jensen lehrt uns, dass wir nicht “normal” sein müssen, um geliebt zu werden. Seine Filme sind eine Umarmung für alle Außenseiter. Er zeigt uns, dass selbst im tiefsten, dunkelsten Keller (manchmal wortwörtlich) ein Licht brennen kann. Man muss nur bereit sein, sich mit den Monstern an den Tisch zu setzen.

Die Philosophie: Das “Jensen-Universum” verstehen

Jensen hat in Interviews oft betont, dass er nicht an Realismus interessiert ist. Für ihn ist die Realität zu komplex und deprimierend, um sie 1:1 abzubilden. Stattdessen nutzt er das Genre der “Groteske”.

Seine These ist fast immer dieselbe: Die biologische Familie ist der Ort des Traumas, die gewählte Familie ist der Ort der Heilung.

In all seinen Filmen sehen wir dysfunktionale Männer, die gesellschaftlich nicht überlebensfähig sind. Sie sind keine Helden. Sie sind Reste. Aber sobald Jensen sie in ein (oft klaustrophobisches) Setting sperrt – eine verfallene Kirche, ein Sanatorium, eine Hütte im Wald – entsteht eine neue Dynamik. Er zwingt sie zur Reibung, bis Wärme entsteht.

Und was bleibt?

Wer Filme liebt, die aussehen wie ein Gemälde von einem betrunkenen Alten Meister, und erschreckend scharfe Dialoge schätzt, kommt an Anders Thomas Jensen nicht vorbei.

Es ist Filmkunst, die sich nicht wichtig nimmt, aber extrem wichtig ist. Weil sie uns zeigt, dass wir alle Macken haben. Vielleicht töten wir keine Menschen für Wurstwaren. Aber sind wir ehrlich: An manchen Montagen im Büro sind wir gedanklich gar nicht so weit davon entfernt.

Bleibt skurril.