Die Kunst der Verbundenheit: Eine Liebesgeschichte

Die Kunst der Verbundenheit: Eine Liebesgeschichte

Ein Sommermorgen in Münster: Frühstück im Geisterviertel

Im Sommer dieses Jahres war ich mit meiner Tochter Svea in und um Münster unterwegs. Auf dem Weg zum Aasee wollten wir noch frühstücken und kehrten bei einer Filiale der Bäckerei Schrunz im münsterschen Geisterviertel ein.

Zweimal das leckere Frühstücksmenü, liebevoll zubereitet von den beiden Damen hinterm Tresen. Während wir auf unser Essen warteten, kam eine betagte Dame in den Bäcker, grüßte freundlich das Personal und ging – ebenfalls freundlich grüßend – an uns vorbei in die hintere Ecke des Raumes.

Dort breitete sie Decken aus, rückte einen Stuhl zurecht und nahm auf dem Sofa an der Wand Platz. Wir beobachteten sie dabei: wie sie fürsorglich die Decken glattstrich und eine weitere, sauber zusammengefaltete Decke über den Stuhl neben dem schön dekorierten Tisch hing. Dann setzte sie sich und schlug eine Illustrierte auf.

Kurz nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatte, betrat ein Mann mit Gehhilfe die Bäckereifiliale. Mit krummem Rücken und langsamem Schritt ging er durch den Raum und nahm vorsichtig auf dem Stuhl am Tisch der Dame Platz. Jetzt ergab alles plötzlich Sinn.

Er legte sich die Decke über die Beine, sie tat es ihm gleich, und beide lasen. Er in seiner Zeitung, sie in ihrer Illustrierten. Dabei streichelte sie die Oberfläche seiner linken Hand, die er auf dem Tisch abgelegt hatte.

Was mich an diesem älteren Ehepaar so berührt hat

Diese Szene berührte uns sehr. Ohne ein Wort erkannte man Verbundenheit. Liebe. Eine tiefe Zuneigung.

Als das Paar und auch wir mit dem Frühstück fertig waren, ging ich an ihren Tisch. Ich konnte gar nicht anders. Sinngemäß sagte ich:

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Aber wir sind ganz fasziniert von Ihrem Umgang miteinander. Ich würde Sie gerne fragen, was Ihr Geheimnis ist.“

Während er nicht einmal von seiner Zeitungsseite aufsah, um vielleicht zu schauen, wer da den morgendlichen Frieden „störte“, antwortete sie. Mit leuchtenden Augen sagte sie (wieder sinngemäß):

„Ach, wissen Sie… Wir sind seit über 64 Jahren zusammen, die meisten davon verheiratet. Wir sind beide Ende 80 und mein Mann hört kaum noch. Wir haben gelernt, uns zu akzeptieren und zu tolerieren.“
Er schmunzelte. Das hatte er dann also doch gehört.

Akzeptanz. Toleranz. Es kann so einfach sein.
Kein böses Wort. Keine Häme. Respekt und Augenhöhe.

„Versuchen Sie, niemals im Streit einzuschlafen oder auseinanderzugehen“, fuhr sie fort. Ein weiterer Beziehungstipp von einem anderen alten Ehepaar…

Denselben Tipp bekam ich schon während meiner Schulzeit von einem anderen Ehepaar, das ebenfalls sein ganzes Leben zusammen verbracht hatte und inzwischen über neunzig Jahre alt war.

Der bettlägerige Ehemann genoss die Streicheleinheiten seiner liebevollen Frau, die einen Großteil des Tages an seinem Bett verbrachte, ihm Geschichten vorlas und ihn – im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten – liebevoll umsorgte.

Ich bewundere diese Paare sehr. Zumal ich zu diesem Zeitpunkt Single war und mir vermutlich nichts sehnlicher wünschte als so eine tiefe, tragende Beziehung.

Zwischen Klinik, Trennung und einer „aufgewärmten“ Beziehung

Die Liebe ist oft so einfach – und dann wieder so schwer.

Zum Jahreswechsel war ich noch in der Klinik. Dieser Aufenthalt brachte (unter anderem) die Erkenntnis mit sich, dass meine damals seit sieben Jahren andauernde Beziehung offenbar – für beide Seiten – nicht mehr wirklich optimal war.

Wir trennten uns friedlich und ohne große Streitereien. Dennoch war da eben – vermutlich auf beiden Seiten – die klare Erkenntnis: Nach sieben Jahren würden wir nun getrennte Wege gehen. Nix mit „gemeinsam alt werden“.

In solchen Situationen – die leider nicht zum ersten Mal in meinem Leben passierten – ist man besonders vulnerabel und einsam. Ein Umstand, den ich nur schwer ertrage. So wurde der Übergang in die nächste Beziehung quasi fließend. Auch das nicht zum ersten Mal in meinem Leben.

Diese (aufgewärmte) Beziehung endete dann rasch und – wieder – krachend. Ja, krachend kann ich…

Und dann kam SIE: Die Frau ohne Kompromisse

Und dann kam „sie“.

Ich möchte es hier nicht unnötig in die Länge ziehen. Wir lernten uns kennen und wussten ziemlich direkt, dass das diese seltene Art von Begegnung ist: die Frau, bei der man keine faulen Kompromisse mehr eingehen muss. Bei der man „richtig“ ist.

„Ich werde nie wieder heiraten!“ wurde plötzlich zu:

„Ich kann sie doch nach drei Wochen nicht wirklich und ernsthaft schon fragen, ob sie meine Frau werden möchte???“

Also wartete ich mit der Frage - immerhin vier Monate.

Inzwischen ist es – heute auf den Tag genau – ein halbes Jahr her, dass wir uns kennengelernt haben. Und es ist noch viel stärker und tiefer als am ersten Tag.

Manifestation, ein Zettel am Kühlschrank und ein Häkchen nach dem anderen

Der “Manifestations”-Zettel von Lana

Vor wenigen Wochen war ich bei einem befreundeten Ehepaar im Nachbardorf zu Gast. Natürlich erzählte ich von meiner neuen Lebenssituation.

„Ach… guck… Habe ich es dir nicht gesagt?“, war der Kommentar von Lana. Ich sah sie etwas verdutzt an. „Was hast du mir gesagt?“, fragte ich.
Sie ging zum Kühlschrank und nahm etwas von der metallischen Tür. „Na, der Zettel!“

Sie setzte sich wieder zu uns an den Tisch, hielt den Zettel so, dass ich nicht sehen konnte, was darauf geschrieben stand, und las vor. Punkt für Punkt. Und ich quittierte jeden dieser Punkte mit „passt!“ oder „check!“. An jedem der vielen Punkte war am Ende ein gedanklicher Haken dran.

Lana ist spiritueller als ich es bin. Als wir uns bei meinem vorangegangenen Besuch über das Thema „Partnerin für mich“ unterhielten, sprach sie von „Manifestation“ und davon, dass wir „meine Frau einfach beim Universum bestellen“. Höflich wie ich bin, machte ich mit. Schnell vergaß ich diesen Zettel anschließend. „Ist doch eh alles Hokuspokus“, dachte ich.

Doch als ich jetzt diesen Zettel wieder sah und jeden Punkt abhakte, war das ein großartiges Gefühl. Nicht das erste, das ich in Verbindung mit meiner Verlobten bereits hatte.

Was ich von alten Ehepaaren über Liebe gelernt habe

Heute denke ich an die beiden älteren Ehepaare, die ich kennenlernen durfte. An ihre tiefe Liebe. An den Respekt. Die Augenhöhe. Und diese spürbare Zuneigung. Und dann denke ich: Das möchte ich für uns auch. Von ganzem Herzen.

Diesen Gedanken hat man im Leben vielleicht öfter, bei verschiedenen Beziehungen. Aber zum ersten Mal weiß ich, dass wir das schaffen werden.

Vielleicht bekommen wir keine fünfzig oder gar über vierundsechzig gemeinsame Jahre mehr hin. Aber wir werden jeden Tag daran arbeiten, dass es der erste Tag unseres gemeinsamen Lebens bleibt – im besten Sinne. Da bin ich altmodisch.

Also? Auf die Liebe. Auf uns. Und auf Dich, liebste M.