Fast ein Jahr gab es hier nun eine Pause. Und die war nötig. Ich habe (mal wieder) kräftig aufräumen und mich selbst sortieren müssen. Nix ging mehr vor einem Jahr. Kurz nach meinem letzten Blog-Beitrag kam ich in eine Klinik, die ich erst nach vier Monaten wieder verließ. Und das tat, auf wirklich allen Ebenen, sehr gut. Und es brachte mir sehr viele neue Erkenntnisse. Um eine der wichtigsten geht es in diesem Beitrag.
Zwei Monate. Acht Wochen. Sechzig Tage in einer Tagesklinik für Männer. Und was habe ich dort gelernt? Dass ich offenbar zur falschen Spezies gehöre. Oder zumindest zur falschen “Seite” meines Geschlechts. Denn was ich dort erlebte, war eine Masterclass in Sachen “Alpha-Mann” – ein Intensivkurs, den ich nie gebucht hätte.
Kaum waren die jungen, durchaus gutaussehenden Therapeutinnen aus der Tür, ging er los: der berühmte “Locker Room Talk”. Und zwar so unangenehm, dass ich mich meist beschämt in einer Ecke verkroch und versuchte, mich unsichtbar zu machen. Während um mich herum testosterongeschwängerte Kommentare durch den Raum flogen, fragte ich mich: Bin ich hier der Alien? Oder sind es die anderen?
Die Gleichung des Grauens
Ich hatte eine Theorie mitgebracht in diese Klinik: Je mehr Testosteron, desto mehr Alpha-Mann. Eine simple Formel. Fast schon mathematisch. Und wie alle einfachen Formeln: grandios falsch.
Denn die Wissenschaft – diese wunderbare Spielverderberin – hat längst herausgefunden, dass die Sache komplizierter ist. Viel komplizierter. Der Psychologe Oliver Schultheiss von der Uni Erlangen-Nürnberg bringt es auf den Punkt: “Ganz ehrlich – es gibt überhaupt keine Forschung dazu, die das bestätigen oder widerlegen würde.”
Moment. Was? Der ganze Mythos vom testosterongesteuerten Alphatier ist also… ein Mythos? Die Zeit berichtet sogar von einer genialen Studie: Frauen, die dachten, sie hätten Testosteron bekommen, verhielten sich dominanter. Die, die es wirklich bekommen hatten, waren fairer. Der Mythos hat sich so verselbstständigt, dass wir uns entsprechend verhalten – auch ohne das Hormon.
Bonobos: Die besseren Männer?
Und dann gibt es da noch unsere nächsten Verwandten. Nein, nicht die Schimpansen – die sind auch nur testosterongetriebene Rüpel. Ich rede von den Bonobos. Diese wunderbaren “Hippie-Affen”, die uns zeigen, dass es auch anders geht.
Bei Bonobos gilt: Je ranghöher das Männchen, desto niedriger der Testosteronspiegel in Anwesenheit empfängnisbereiter Weibchen. Statt sich aggressiv durchzusetzen, investieren erfolgreiche Bonobo-Männchen in Beziehungen. Sie suchen die Nähe der Weibchen, pflegen Freundschaften, werden von ihren Müttern unterstützt. Ihr Motto: “Make Love, not War” – und das funktioniert.
Während ich das lese, denke ich an die Tagesklinik. An die Männer dort, die sich gegenseitig mit Sprüchen überbieten mussten. Die laut sein mussten. Dominant. Immer. Und ich frage mich: Wer ist hier eigentlich evolutionär weiter entwickelt? Der Bonobo oder der Mensch?
Das Balzverhalten des modernen Alphas
Aber kommen wir zum eigentlichen Phänomen: dem modernen Alpha-Mann. Man erkennt ihn sofort. Meist am Auto. Denn – und das ist eine Frage, die mich wirklich umtreibt – MUSS jeder Alpha-Mann große und teure Autos fahren und auf Verkehrsregeln scheißen? Gehört das irgendwie zum Kodex?
Ich beobachte das täglich. Der BMW, der mit 80 durch die 30er-Zone rauscht. Der Porsche, der auf dem Behindertenparkplatz steht. Der SUV, der so groß ist, dass er zwei Parkplätze braucht. Ist das die moderne Form des Balzverhaltens? Das Pendant zum Pfauenrad? Zum Geweih des Hirsches?
Bei Tieren ist das Balzverhalten oft absurd. Der Paradiesvogel tanzt stundenlang. Der Laubenvogel baut kunstvolle Nester und dekoriert sie mit blauen Objekten. Und der moderne Alpha-Mann? Fährt einen übermotorisierten Blechhaufen und hupt, wenn jemand bei Grün nicht sofort losfährt.
Die Männer-Skala: Wo stehe ich?
Wenn es den testosterongeschwängerten Alpha-Mann gibt – was ist dann die andere Seite? Und wo auf der “Männer-Skala” befinde ich mich selbst?
Ich bin mit wenig Testosteron ausgestattet. Ich verfüge über wenig “Alpha-Mentalität”. Ich fahre einen Kleinwagen. Ich halte mich an Verkehrsregeln. Ich verkroch mich in der Tagesklinik in der Ecke, während andere ihre Geschichten zum Besten gaben. Bin ich deshalb weniger Mann?
Die Antwort, die ich in diesen zwei Monaten gefunden habe, ist: Nein. Ich bin nur ein anderer Mann. Vielleicht sogar ein Bonobo-Mann. Einer, der lieber Beziehungen pflegt als Dominanz zeigt. Der lieber zuhört als brüllt. Der lieber kooperiert als konkurriert.
Das Paradox der Männlichkeit
Hier ist das Verrückte: Die Forschung zeigt, dass Testosteron soziales Verhalten sogar fördern kann. Dass es Menschen dazu bringt, sich zum Wohle der Gruppe zurückzunehmen. Dass es Kooperation unterstützt. Das Hormon, das wir für Aggression verantwortlich machen, kann also genau das Gegenteil bewirken.
Und trotzdem halten wir am Mythos fest. Am Bild des dominanten Alphas. Des Mannes, der sich nimmt, was er will. Der laut ist. Der stark ist. Der keine Schwäche zeigt.
In der Tagesklinik saßen wir alle zusammen. Männer mit Depressionen. Mit Ängsten. Mit Traumata. Und sobald die Therapeutinnen weg waren, spielten viele von uns Theater. Das Theater des starken Mannes. Des Alphas. Als ob wir nicht alle aus dem gleichen Grund dort wären: Weil wir eben nicht stark waren. Weil wir Hilfe brauchten.
Die Frage nach dem “echten” Mann
Was ist also ein “echter” Mann? Ist es der, der am lautesten brüllt? Der das größte Auto fährt? Der die meisten Frauen “erobert”? Der sich durchsetzt, koste es, was es wolle?
Oder ist es vielleicht der, der zugibt, wenn er Hilfe braucht? Der Schwäche zeigen kann? Der Beziehungen pflegt statt Dominanz zu demonstrieren? Der – wie die Bonobos – erkannt hat, dass Kooperation erfolgreicher ist als Konkurrenz?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich in diesen zwei Monaten viel über die “Gattung Mann” gelernt habe. Und vor allem über mich selbst. Ich bin kein Alpha. Ich werde nie einer sein. Und weißt du was? Das ist okay.
Denn vielleicht ist die ganze Alpha-Beta-Einteilung sowieso Quatsch. Vielleicht gibt es nicht “den” Mann. Vielleicht gibt es nur Menschen. Mit unterschiedlichen Hormonen. Unterschiedlichen Persönlichkeiten. Unterschiedlichen Stärken und Schwächen.
Und hat man das erstmal verinnerlicht und verstanden, tut sich (quasi zwangsläufig) ein weiterer Gedanke auf. Wenn wir uns “Männlichkeit” und “Weiblichkeit” tatsächlich als Skala vorstellen, dann bekommt die These “Es gibt nur zwei Geschlechter!!!11!!!!1!” plötzlich eine neue Dimension. Ja, ich glaube auch, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt. Und Menschen, die BEIDE Geschlechter haben. Mehr nicht. Ende, Aus, Micky Maus. Aber trennen wir uns mal kurz von biologischen, physischen Geschlechtsmerkmalen. Dann haben wir plötzlich unendlich viele “Geschlechter”. Dann ist da plötzlich eine riesige Skala an “Weiblichkeit” und “Männlichkeit”. Und DANN gibt es plötzlich auch völlig unterschiedliche Formen dieser beiden (biologischen) Geschlechter. Dann bin ich plötzlich ein sehr “weiblicher” Mann und ein Großteil meiner Mitpatienten eben sehr “männliche” Exemplare. Ist das nicht ein spannender Gedanke?
Epilog: Der Bonobo in mir
Wenn ich heute einen BMW mit 80 durch die 30er-Zone rasen sehe, denke ich nicht: “Was für ein Alpha.” Ich werde wütend und denke eher: “Was für ein dämlicher Stoffel!” Und ich frage mich direkt, was dieser Mensch wohl kompensieren muss.
Die Bonobos haben es verstanden. Die erfolgreichsten Männchen sind nicht die aggressivsten. Es sind die, die Beziehungen pflegen. Die kooperieren. Die ihre Mütter nicht vergessen. Die erkannt haben, dass Stärke nicht bedeutet, andere zu dominieren, sondern mit anderen zu leben.
Vielleicht sollten wir Menschen – und besonders wir Männer – uns eine Scheibe von den Bonobos abschneiden. Vielleicht sollten wir aufhören, dem Mythos des Alphas hinterherzulaufen. Vielleicht sollten wir einfach… Menschen sein.
Ich für meinen Teil habe in der Tagesklinik gelernt: Ich bin kein Alpha. Ich bin eher wie ein Bonobo. Zumindest in diesem Punkt. Denn Bonobo-Affen sind auch dafür bekannt, dass sie immer und wirklich mit ALLEM Sex haben wollen. Da bin ich doch deutlich anders. Wirklich…. Und das ist auch gut so.
Quellen & Lesetipps:
GEO: Testosteron – Was ist dran am Macho-Mythos?
DIE ZEIT: Testosteron macht männlich, aber nicht aggressiv
RND: Faktencheck Testosteron
Max-Planck-Institut: Konkurrenz, Kooperation und Hormone bei Schimpansen und Bonobos